"Augenblick, verweile nur! " Malerei von Vadim Lyubich



Jeder Augenblick

an sich ist das Ergebnis einer einmaligen Wechselwirkung der Kräfte, ein Ausdruck kosmischen Geschehens. Jeder Augenblick für uns ist dessen jeweiliges Abbild.

Gewöhnlich

lässt man die meisten Augenblicke verstreichen, ohne sich deren kosmischer Bedeutung bewusst zu werden.

Doch unvermittelt geht einem die Bedeutung eines bestimmten Augenblickes auf. Die Gründe dafür sind nebensächlich, da sie vor allem mit der Persönlichkeit des oder der Betreffenden zusammenhängen; wichtig ist, dass man sich in dem Moment als das fühlt, was man wirklich ist, nämlich als Teil kosmischen Geschehens. Ein solcher Augenblick hat seine eigene Zeitlichkeit.

In der Malerei,

deren Aufgabe nach Kandinsky darin besteht, "Neue Welten zu erschaffen", ist diese Erkenntnis entscheidend. Da das Verhältnis zum Neuen nach Adorno jedoch "...hat sein Modell an dem Kind, das auf dem Klavier nach einem noch nie gehörten, unberührten Akkord tastet. Aber es gab den Akkord immer schon, (...), eigentlich steckt alles in der Klaviatur", scheint die Aufgabe des Malers darin zu bestehen, neue Welten zu entdecken, das bisher Unsichtbare sichtbar zu machen. Dabei wird der individuelle Faktor zum maßgeblichen: er bestimmt die Auswahl der Malweise...

Die für den Paradigmenwechsel

der Moderne entscheidende Sichtweise, ein Gemälde sei in erster Linie keine Darstellung von etwas, sondern ein nach nur ihm immanenten Gesetzen existierendes Kunstwerk, verlagerte den Schwerpunkt von der Darstellung auf die Malweise und meldete einen Zeitlosigkeitsanspruch an, welcher zum Sinnbild aller heroischen Anstrengungen der Moderne wurde: die verzweifelte Suche nach den Mitteln, den Geist seiner Zeit nachzubilden, führte oft weit über diese Zeit hinaus. Bis zu einem gewissen Grad ist jedes Kunstwerk "entzeitlicht", um über seine Zeit hinaus "aktuell" bleiben zu können.

So lässt der Maler

den Augenblick verweilen, doch nicht um diesen zu dokumentieren, sondern um sein einmaliges "Muster" sichtbar werden zu lassen, was bei dem Betrachter wiederum ein jeweils individuelles Abbild entstehen lässt. Dadurch wird das zeitliche Erleben zum Hauptthema des Werkes und das Werk wird zum Ausdruck des Augenblickes, indem es in jenem einmalig enthaltenes mannigfaltiges Geschehen sichtbar macht.

Mit der Geschichte

ihrer Entwicklung von einer bloßen Kulisse für die mythologische, religiöse oder historische Erzählung zur eigenständigen Kunstgattung, die den Paradigmenwechsel der Moderne entscheidend beeinflusste, bietet die Landschaftsmalerei auch heute noch Mittel und Wege, ein Gefühl für die kosmische Bedeutung des Augenblickes zu bekommen: denn malen bedeutet nach Cezanne die Fähigkeit zu haben, "im alltäglichen Kontakt mit der Natur das ursprüngliche Gefühl zu erleben.